Diese Informationen stammen von der Website der Studienvertretung Translation: www.stv-translation.at

Gegen Dumpingpreise

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verfasst von Michael Gebhardt

Translation als Ramschprodukt?

Inhaltsverzeichnis

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    zuletzt aktualisiert am 12. Oktober 2015

    Was sind Dumpingpreise?

    Dumpingpreise sind Preise, die weit unter den marktüblichen Beträgen liegen. Leider finden sich sowohl Auftraggeber*innen, die Angebote zu Dumpingpreisen annoncieren, als auch Menschen, die ihre (nicht professionellen) Leistungen zu Dumpingpreisen anbieten.

    So werden zum Beispiel Dolmetscher*innen für 7 Euro die Stunde gesucht und Übersetzungen zu 10 Cent pro Zeile angeboten. Solche Dumping-Angebote zerstören den Markt und sollten von professionellen Translator*innen strikt abgelehnt werden.

    Wie wird das Honorar von Translator*innen berechnet?

    Das Honorar für Übersetzungen wird nach Normzeilen berechnet. Dolmetschungen werden pro Halbtag bzw. Tag bezahlt. Ausnahmen von dieser Regelung sind je nach Art des Auftrags möglich. Andere translatorische Leistungen und sonstige Textarbeit wird gesondert berechnet.

    Wie viel wird für translatorische Leistungen verlangt/bezahlt?

    Einen ausführlichen Honorarspiegel zur Bezahlung translatorischer Leistungen findest du auf der Website von Universitas, dem österreichischen Verband für Übersetzen und Dolmetschen.

    Bitte beachte, dass die von Universitas zusammengefassten Beträge keine Empfehlungen sind, sondern Umfrageergebnisse und das Honorar von Translator*innen im alltäglichen Berufsleben repräsentieren. Du solltest die im Honorarspiegel erwähnten Preise auf keinen Fall als Obergrenze betrachten und deinen Wünschen, wie du dich auf dem Markt positionieren möchtest, immer treu bleiben.

    Wie kommt es zu Dumping-Angeboten?

    Viele Dumping-Angebote entstehen dadurch, dass Auftraggeber*innen nicht wissen, wie viel sie für eine translatorische Leistung anbieten sollen, ohne sich lächerlich zu machen und ohne mehr Geld auszugeben, als erwartet wird. Andere wiederrum werden gezielt von Auftraggeber*innen geschaltet, die auf geringes Selbstvertrauen und Uninformiertheit von Translator*innen setzen.

    Es herrscht leider immer noch kaum ein Bewusstsein über das Berufsprofil professioneller Translator*innen und das, was als Allgemeinwissen zum Berufsbild zählt, ist falsch. Viele glauben, um gut übersetzen und dolmetschen zu können, muss man eine Sprache „perfekt“ können und Wörter oder Sätze einer Sprache durch äquivalente Wörter oder Sätze einer anderen Sprache ersetzen. Als Studierende*r am Zentrum für Translationswissenschaft weißt du aber (schon nach dem ersten Semester), dass die Kompetenzen, die Translator*innen haben müssen, um ihre Arbeit professionell ausführen zu können, andere sind und dass translatorisches Handeln ein hochkomplexer Vorgang ist, der vielschichtiges Expert*innenwissen (und daher ein intensives, langjähriges Studium) erfordert.

    Aufgrund des fehlenden Bewusstseins für das Wesen und die Komplexität translatorischen Handelns werden Aufträgen anhand ihrer Textsorten und Sprachen unterschiedliche Schwierigkeitsgrade zugeschrieben. Manche Textsorten und Sprachen werden als „schwieriger“ bzw. „leichter“ angesehen und dementsprechend besser bzw. schlechter bezahlt. So wird zum Beispiel oft angenommen, dass private Briefe und Texte aus dem Englischen „einfach zu übersetzen“ seien, Fachtexte und Übersetzungen ins Japanische hingegen „besonders schwierig“. Dies kann unter Umständen ebenfalls dazu führen, dass manche Aufträge besonders schlecht bezahlt sind und Auftraggeber*innen kein Verständnis dafür haben, wieso für angeblich einfache Arbeit ein dafür teuer wirkendes Honorar verlangt wird.

    Auf Online-Jobbörsen müssen Auftraggeber*innen außerdem oft einen Stundenlohn angeben, damit eine Annonce gepostet werden kann. Der Mindeststundenlohn beträgt dann nur sehr wenig (manchmal nur 6 Euro) und ist für alle Annoncen gleich – egal, ob für die Erledigung des geposteten Auftrags Qualifikationen erforderlich sind oder nicht. Dieser Mindeststundenlohn wird dann von Auftraggeber*innen übernommen. So kommt es, dass für das Übersetzen einer Masterarbeit derselbe Lohn geboten wird wie fürs Zettelverteilen.

    Wie kommt es, dass andere zu Dumpingpreisen arbeiten?

    Translatorische Leistungen wie zum Beispiel Übersetzen und Dolmetschen sind leider in Österreich (und vielen anderen Ländern) keine geschützten Berufe. Das heißt, jede*r mit einem Wörterbuch am Nachtkästchen darf sich selbst Übersetzer*in und/oder Dolmetscher*in nennen und seine*ihre Dienstleistungen anbieten.

    Menschen ohne entsprechende Ausbildung und ohne translatorisches Expert*innenwissen können aber keine qualitativ hochwertigen translatorischen Leistungen erbringen und sind auch nicht imstande, die Qualitität ihrer Leistungen zu evaluieren. Sie müssen also viel und schnell arbeiten, ohne auf die Qualität achten zu können und können angemessene Preise nicht argumentieren. Außerdem ist ihr extrem niedriger Preis das einzige positive Merkmal, mit dem sie das Interesse von  Auftraggeber*innen wecken können. Deswegen müssen sie andere, die ebenfalls superbillig arbeiten, immer wieder unterbieten, um überhaupt Aufträge zu bekommen. Das führt zu immer niedrigeren Dumpingpreisen und immer schlechterer Qualität.

    Im Endeffekt bedeutet das für diejenigen, die zu Dumpingpreisen arbeiten, mehr Arbeit für weniger Geld, für alle Translator*innen eine Abwertung ihres Rufes und für die Auftraggeber*innen im besten Fall peinliche Situationen, im schlimmsten Fall finanzielle Verluste.

    Darf ich während des Studiums überhaupt Aufträge annehmen?

    Da Übersetzen und Dolmetschen in Österreich keine geschützten Berufe sind, „darfst“ du auch als Studierende*r Aufträge annehmen. Allerdings solltest du Aufträge nur dann annehmen, wenn du bereits viel im Studium gelernt hast und wenn du dich ihnen gewachsen fühlst.

    Es gehört zur Berufsethik von Translator*innen, Aufträge nur anzunehmen, wenn sie professionell ausgeführt werden können. Wenn du dich jetzt fragst, welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit ein Auftrag professionell ausgeführt werden kann, solltest du noch keine Aufträge annehmen.

    Muss ich als Studierende*r billiger sein?

    Nein. Und das solltest du sogar auf keinen Fall.

    Studierende sind (leider) manchmal der Meinung, sie dürften nicht so viel für translatorische Leistungen verlangen wie bereits etablierte Translator*innen. Solltest du ähnliche Gedanken haben, bedenke das Folgende:

    • Translator*innen werden nicht für ihre Erfahrung bezahlt, sondern für die Qualität der Leistung, die sie erbringen. Manche Auftraggeber*innen suchen gezielt Studierende, da sie der Meinung sind, es sei selbstverständlich, diesen weniger zu bezahlen, „immerhin studieren sie ja noch“. Trotzdem erwarten sie sich ebenso selbstverständlich dieselbe Qualität wie von bereits etablierten Translator*innen. Oder wie, meinst du, würden die Auftraggeber*innen reagieren, wenn du eine Übersetzung abgibst und dazusagst „Es sind natürlich ein paar Fehler im Text, immerhin studiere ich ja noch.“?
    • Als Studierende*r ohne Berufserfahrung brauchst du außerdem zum Beispiel bei Übersetzungen höchstwahrscheinlich mehr Zeit pro Normseite als langjährige Übersetzer*innen. Da Translator*innen für Übersetzungen in den meisten Fällen nicht nach Stunden, sondern nach Normseiten bezahlt werden, verringert sich also durch den zusätzlichen zeitlichen Aufwand, der dir durch Recherche etc. entsteht, dein Stundenlohn ohnehin. Ein*e erfahrene*r Übersetzer*in braucht durchschnittlich ungefähr eine Stunde pro Normseite. Wenn du für 30 Cent pro Zeile übersetzt und drei Stunden für eine Normseite brauchst, arbeitest du (bei 25 Normzeilen pro Normseite) für 2,50 Euro pro Stunde – damit kannst du dir noch nicht einmal ein Tomaten-Mozzarella-Panino bei der Bäckerei um die Ecke kaufen, ganz zu schweigen davon, dass du ja auch noch Versicherung, Steuern etc. zahlen musst.
    • Wenn du deine Leistungen zu Dumpingpreisen anbietest, zerstörst du damit den entsprechenden Markt für alle deine Kolleg*innen und auch für dich selbst.
      • Hast du dich einmal mit Billigpreisen auf dem Markt positioniert, ist es fast unmöglich, diese Positionierung später zu ändern. Wie willst du deinen Kund*innen erklären, dass du von einem Tag auf den anderen das Fünffache von dem verlangst, was du bislang verlangt hast? Willst du sie plötzlich ausnutzen? Waren deine Leistungen etwa früher nicht gut?
      • Wenn du dann das Studium abgeschlossen hast und eine angemessene Bezahlung verlangen möchtest, bekommst du keine Aufträge mehr, denn es gibt ja wieder genug andere Studierende, die „das Gleiche“ liefern, aber viel billiger sind als du. Warum dann also dir plötzlich mehr bezahlen?
    • Was nichts kostet, ist nichts wert. Wenn du für Dumpingpreise arbeitest, trägst du selbst dazu bei, dass deine persönlichen Leistungen nicht geschätzt werden.
    • Das Ansehen von Translator*innen, das aufgrund des fehlenden Bewusstseins über den Berufsstand und die Komplexität der Tätigkeit ohnehin schon eher gering ist („Wenn Sie so teuer sind, lass ich den Vertrag meine Tochter übersetzen, die hat in Englisch immer gute Noten.“), wird durch Dumpingpreise noch stärker geschädigt. Dumpingpreise tragen dazu bei, dass Leistungen von Translator*innen nicht als Expert*innenhandlung anerkannt werden.

    Wie kann ich mit Dumping-Angeboten umgehen?

    Wenn du dich für einen Auftrag interessierst, der zu Dumpingpreisen ausgeschrieben ist, kannst du die zuständigen Personen kontaktieren, dein Interesse am Auftrag bekunden (das heißt, dich über die Einzelheiten zum Auftrag informieren) und (höflich) darauf hinweisen, dass die angebotenen Preise nicht marktüblich sind (ein Angebot mit dem von dir verlangten Preis kannst du natürlich erst schicken, wenn du alle benötigten Informationen für eine Auftragsanalyse erhalten hast). Viele Auftraggeber*innen wissen nicht, wie viel sie für die gesuchte Leistung bezahlen sollen und sind für einen entsprechenden Hinweis dankbar, immerhin wollen sie weder schlecht dastehen und den Eindruck vermitteln, die gesuchte Leistung nicht wertzuschätzen, noch schlechte Qualität erhalten – und wer für 20 oder gar 2 Cent pro Zeile übersetzt, kann keine gute Qualität liefern.

    Sollte auf deine Hinweise nicht eingegangen werden oder nur mit Unverständnis reagiert werden, solltest du den Auftrag schlicht ignorieren. Auch wenn dir so vielleicht der eine oder andere Auftrag entgeht – schließlich brauchst du auch weniger Aufträge, wenn du für deine Arbeit gut bezahlt wirst.

    Wenn du ein besonders haarsträubendes Dumping-Angebot entdeckst, kannst du es auch an Universitas, den österreichischen Verband für Übersetzen und Dolmetschen, und/oder an uns, die Studienvertretung Translation, weiterleiten. Universitas und/oder wir kontaktieren dann die Auftraggeber*innen und machen sie auf die Bezahlung und die damit verbundenen Konsequenzen aufmerksam und informieren sie über die üblichen Marktpreise.

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