Diese Informationen stammen von der Website der Studienvertretung Translation: www.stv-translation.at

Tipps für den Berufseinstieg

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verfasst von Dagmar Jenner, selbstständige Übersetzerin (www.texterei.com)

Banal, aber wahr: Aller Anfang ist schwer. Gleichzeitig ist dieser Anfang, konkret der Einstieg ins Berufsleben als ÜbersetzerIn und/oder DolmetscherIn, ungemein spannend, bietet eine steile Lernkurve und letztlich eine sehr lohnende Tätigkeit. Wer mit Leidenschaft, unternehmerischem Denken und entsprechender Hartnäckigkeit an die Sache herangeht, wird langfristig erfolgreich sein. Schließlich haben arrivierte KollegInnen auch mal angefangen!

Anbei eine Übersicht der wichtigsten Dinge, die es aus meiner Sicht über den Beruf des Übersetzens/Dolmetschens in Österreich zu wissen gilt. Der Schwerpunkt der Ausführungen liegt auf dem Übersetzen, wobei vieles analog auch fürs Dolmetschen gilt.

Inhaltsverzeichnis

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    zuletzt aktualisiert am 6. Oktober 2015

    Es führt kaum ein Weg an der Selbstständigkeit vorbei

    Fakt ist, dass die angestellten Positionen für ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen in Österreich sehr rar sind. Es gilt also, sich vom „Versorgungsdenken“ zu verabschieden und das Abenteuer Selbstständigkeit zu starten. Die Selbstständigkeit hat Vor- und Nachteile. Ich persönlich bin für mein Leben gern meine eigene Chefin. Wohlgemerkt: Die ersten drei Jahre sind immer schwierig und Schwankungen im Auftragsvolumen können immer wieder vorkommen.

    Selbstständig sein – wie geht das?

    Am Anfang der Selbstständigkeit stellen sich eine ganze Menge Fragen, die etwa in den Leitfäden von UNIVERSITAS Austria, Berufsverband für Dolmetschen und Übersetzen, sehr gut beantwortet werden (besonders Steuern und Sozialversicherung sind sehr wichtige Themen). Diese Leitfäden gibt’s gratis im Sekretariat am ZTW (Zubau, Erdgeschoß, Eingang Philippovichgasse). Außerdem bietet UNIVERSITAS Austria ein Mentoring-Programm, in dem dir erfahrene KollegInnen (z. B. ich) bei deinen ersten Schritten unterstützend zur Seite stehen. Bei der schwierigen Frage „Gewerbeschein ja oder nein“ berät dich UNIVERSITAS Austria auch gerne.

    Der erste Auftrag: ein Sprung ins kalte Wasser

    Viele fragen sich am Anfang: Kann ich das eigentlich? Bin ich gut genug? Natürlich bist du gut genug! Du hast eine solide Ausbildung, bist lernfähig und hast exzellente Recherchierkompetenzen. Trau dich einfach drüber über den ersten Auftrag – es muss immer ein erstes Mal geben. Wäge dabei sorgfältig ab, ob sich die Textsorte für den Einstieg ins Berufsleben eignet – hochkomplexe Texte wie ein Geschäftsbericht oder eine klinische Studie gehören nicht dazu. Ratsam ist es, auch im Familien- und Freundeskreis auf ExpertInnen in bestimmten Bereichen (IT, Medizin, Technik etc.) zurückgreifen zu können. Außerdem: Warum nicht bei besonders kniffligen Fragen Lehrende am ZTW kontaktieren, zu denen du einen guten Draht hast? Weitere Tipps zu Ressourcen und Hilfestellungen gibt’s beim Punkt „Beratung und Unterstützung“.

    Agenturen oder DirektkundInnen?

    Du solltest entscheiden, ob du als selbstständige/r ÜbersetzerIn/DolmetscherIn hauptsächlich für Agenturen, die dir Aufträge vermitteln, oder für DirektkundInnen arbeiten möchtest. Ich persönlich arbeite nur mit DirektkundInnen. Sie akzeptieren meine (hohen) Preise und begegnen mir als externe Expertin. Agenturen wiederum haben große Datenbanken, in denen die einzelnen ÜbersetzerInnen nicht viel mehr als ein Name sind. Grundsätzlich streben Agenturen danach, den ÜbersetzerInnen so wenig wie möglich zu bezahlen, den KundInnen aber marktübliche Preise zu verrechnen und somit den Gewinn zu maximieren. Dennoch gibt es KollegInnen, die die oben genannten Nachteile in Kauf nehmen und den Vorteil schätzen, laufend mit Arbeit versorgt zu werden, ohne Eigenmarketing betreiben zu müssen.

    Hilfe, ich muss mich selbst verkaufen!

    Marketing in eigener Sache ist am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, aber immens wichtig. Denn: Es reicht nicht, gut zu sein – potenzielle KundInnen fallen nicht vom Himmel. Vielmehr müssen sie erfahren, dass es uns gibt. Das war in Zeiten des Internet und des Netzwerkens noch nie so leicht wie jetzt: Es gibt kostenlose Websites bei Google Sites, kostengünstige Visitenkarten, kostenlose Blogs, mittels derer wir uns als ExpertInnen im Bereich Sprache positionieren können (bei mir klappt das hervorragend über diverse Blogs und Websites im Bereich Rechtschreibung und Übersetzungsfehler, die alle miteinander verlinkt sind). Wir können twittern und facebooken, was das Zeug hält – immer mit echter Leidenschaft für unser Thema, das nicht unbedingt sprachbezogen sein muss. Es gilt, im Netz mit originärem, selbst erstelltem Content präsent zu sein – das erhöht die Sichtbarkeit, die Positionierung bei Google und natürlich den Bekanntheitsgrad der eigenen Person. Und genau da wollen wir hin. Das Web 2.0 öffnet uns dafür Tür und Tor. Außerdem liefern unzählige andere NutzerInnen des Web 2.0 in Blogs, Tweets etc. Tipps und Tricks zum Nulltarif – einfach fleißig mitlesen und auch mitkommentieren!

    Wie viel kann ich eigentlich verlangen?

    Oft höre ich, dass junge KollegInnen weniger als etablierte verlangen wollen, weil sie noch keine Erfahrung haben. Davon würde ich dringend abraten – bei einer jungen Anwältin gibt es schließlich auch keinen Rabatt. Da Neulinge mehr Zeit für Übersetzungen aufwenden müssen als Erfahrene, verdienen sie unterm Strich sowieso weniger und zahlen somit Lehrgeld. Ich rate dir dringend, deine Dienstleistungen zu einem Preis zu verkaufen, der deine Ausbildung und Professionalität widerspiegelt. Denn: Was nichts kostet, ist nichts wert. Den aktuellen Honorarspiegel mit Information über die derzeit gängigen Honorare findest du auf der Website von UNIVERSITAS unter „Publikationen“.

    Mach dir einen Namen

    Noch so ein Schlagwort, das man ständig irgendwo liest. Aber gerade in einer Branche, in der es sehr viele MitbewerberInnen gibt, ist es wichtig, bei potenziellen oder bestehenden KundInnen gut in Erinnerung zu bleiben. Sorge dafür, dass Leute, die deine Visitenkarte verlegt haben, dich dennoch wiederfinden. Überzeuge sie mit außergewöhnlichem Engagement und unübertroffener Leistung. Wer zur Marke wird, ist nicht mehr mit anderen verwechselbar. Markenware wird immer höher eingeschätzt als eine generische Handelsmarke. Bei Dienstleistungen ist das nicht anders.

    Unternehmerisches Denken und professionelles Auftreten

    Einer der wichtigsten Punkte ist für mich die Professionalität, denn die ist Trumpf. Sei in deiner Berufsausübung kompromisslos professionell. Damit meine ich unter anderem Folgendes: Komme den KundInnen entgegen, übertriff ihre Erwartungen, sei sehr gut erreichbar, reagiere prompt auf Anfragen, erstelle professionelle Angebote und Rechnungen, sei gelassen bei Reklamationen etc. Wenn du professionell auftrittst, werden dich deine KundInnen als ExpertIn wertschätzen. Übrigens: Professionalität bedeutet, auch mal „nein“ zu sagen, etwa zu einem Fachgebiet, das dir nicht liegt, oder zu einer unzumutbaren Deadline. Unternehmerisches Denken bedeutet, dir bewusst zu sein, dass du als ÜbersetzerIn/DolmetscherIn UnternehmerIn bist und als solche/r zu handeln: Du verrechnest adäquate Preise, bildest dich ständig weiter, hast ein Grundverständnis von wirtschaftlichen Belangen, kannst gut verhandeln etc. Meine persönliche Philosophie zum Thema unternehmerisches Denken habe ich in meinem Buch „The Entrepreneurial Linguist beschrieben.

    Netzwerken, netzwerken, netzwerken

    Zu den wichtigsten Elementen im Geschäftsleben gehören Beziehungen – zu potenziellen KundInnen, zu bestehenden KundInnen, zu KollegInnen. Das heißt vor allem eins: Raus aus dem stillen Kämmerlein und raus unter die Leute. Networking-Events gibt es zuhauf, wobei ich von reinen „Visitenkarten“-Partys abraten würde, wo alle eine Dienstleistung verkaufen, aber niemand eine kaufen will. Ich empfehle den Besuch von Weiterbildungsveranstaltung im Bereich Translation und darüber hinaus den Austausch mit anderen Ein-Personen-Unternehmen. Ich habe bei vielen interessanten Veranstaltungen schon viele interessante Menschen kennen gelernt, die eines Tages vielleicht einen Auftrag für mich haben, deren Bekanntschaft ich als bereichernd empfinde – oder beides.

    Beratung und Unterstützung

    Wenn du Fragen hast oder nicht weiterweißt, gibt es eine ganze Menge Ressourcen. Die Website von UNIVERSITAS bietet eine Fülle an Informationen, vor allem unter „Publikationen“ – klick dich mal durch! Natürlich kannst du auch jederzeit während der Öffnungszeiten im UNIVERSITAS-Sekretariat persönlich vorbeikommen oder anrufen. Außerdem gibt es auf Facebook eine Seite von UNIVERSITAS Austria, auf der du mit KollegInnen in Kontakt treten kannst. Darüber hinaus gibt es viele Plattformen, die auf freiberufliche ÜbersetzerInnen spezialisiert sind – die größte davon ist www.proz.com. Während ich nicht empfehlen würde, dort ausgeschriebene Aufträge anzunehmen, ist diese Website zur Terminologierecherche und zum Austausch mit KollegInnen rund um den Globus eine sehr feine Sache.

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